Tempo Giusto

 

30 Jahre Willem Retze Talsma (1980) Wiedergeburt der Klassiker. Anleitung zur Entmechanisierung der Musik.  Wort und Welt Verlag Innsbruck, Thaur 1980.

 

Anwendungen und Entwicklungen der Thermodynamik haben mit der Dampfmaschine die Industrielle Revolution angefeuert.  Die damit einhergehende Beschleunigung von Energieströmen prägt seither unsere industrielle Zivilisation und durchdringt – einmalig in der gesamten Menschheitsgeschichte – das Leben bis in die tiefsten Bereiche unserer Kultur.  Verbrennungsmotoren und Elektrogeräte treiben nicht nur immer schneller an, sie tragen auch durch übersteigerten Raubbau an den globalen Ressourcen zur Überhitzung des Klimas bei.  In der schnelllebigen Zeit sind wir reich an Energie und arm an Zeit.  Ein überhöhtes Tempo prägt unseren Alltag, ohne dass die beschleunigte Fortbewegung einen Zeitgewinn erbringt.  Doch was würde uns auch alle Zeit der Welt nützen, wenn diese der Energiereserven und biologischen Vielfalt beraubt ist und die Zukunft der Menschheit durch ökonomische Überhitzung verarmt zurückbleibt.

 

  • Zunahme der Geschwindigkeit = Weg/Zeit:  Die Wege werden immer länger und der Zeitaufwand steigt.
  • Zunahme der Geschwindigkeit = Anzahl/Zeit:  Die Briefe werden immer mehr und schneller (SMS, Emails) und der Zeitaufwand steigt.
  • Zunahme von Takt und Tempo = Zyklen/Zeit:  Die Bildabfolgen werden schneller (TV) und wir glotzen immer länger.
  • Zunahme der Geschwindigkeit (Leistung) = Energie/Zeit:  Die Energieverschwendung wird gesteigert und wir beklagen uns über den Mangel an Zeit.

 

Ist uns ein angemessenes Tempo abhanden gekommen?  Ist die Beschleunigung Teil eines Irrsinns unserer Zeit?  Bleibt uns noch Zeit zur Besinnung?  Tempo Giusto – das angemessene Tempo in der Musik und die Wiedergeburt der Klassiker – ein revolutionärer Entwurf zur Wiederbesinnung.

 

Tempo Giusto in der MiPArt

 

Die mitochondrielle Physiologie (MiP) greift das Thema ‚Tempo’ anhand der Geschwindigkeiten des Energieumsatzes in der lebenden Zelle auf.  Das Tempo und die Effizienz der Zellatmung (ein biologischer Verbrennungsprozess) sind durch evolutive Optimierung im Rahmen ergodynamischer Naturgesetze geregelt und auf die verschiedenen Lebensfunktionen abgestimmt – vom explosiven Einsatz der Muskelkraft im Wettlauf um die Beute bis zum maßvollen Drosseln des Energieumsatzes im Winterschlaf.  Tempo giusto ist keine Anleitung zur Langsamkeit, sondern eine Wiederentdeckung der lebendigen Rhythmen zwischen Spannung und Entspannung, des Herzschlags zwischen Ruhe und Bewegung, der Sinnlichkeit und Lebendigkeit von in angemessenem Tempo vorgetragener Musik.

 

’Für den von toten mechanischen Bewegungen umgebenen Menschen des technischen Zeitalters ist die Musik aus dem vortechnischen Zeitalter nicht mehr verständlich.  Konkret ausgedrückt bedeutet es, daß wir heutzutage kein Verständnis für die klassischen „Selbstverständlichkeiten“ von Takt und Tempo haben. … Takt bedeutet jetzt gewöhnlich nicht mehr als eine von außen her aufgezwungene Unfreiheit, und Tempo ist meistens Anlaß zum Demonstrieren technisch-mechanischer Fähigkeiten.  Für den Menschen aus dem vortechnischen Zeitalter hatte das Wort Takt eine ganz andere Bedeutung: es war Ausdruck einer gewissermaßen unumgänglichen Ordnung, der man sich ohne weiteres hingab.  Die Bewegung eines Baumes im Wind, die Wellenbewegung des Meeres, der Wechsel der Jahreszeiten, diese geordneten Bewegungen, diese Rhythmen sind gleichsam der Schlüssel zum richtigen Verständnis früher Musik.’ - Willem Retze Talsma (1980) Wiedergeburt der Klassiker.


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